Adler oder Huhn? Wir sehen die Welt nur so, wie wir sie sehen wollen!

Adler oder Huhn?Vom Adler, der glaubte ein Huhn zu sein.

Eines Tages fand ein Mann ein Adlerei. Dies legte er in das Nest eines gewöhnlichen Huhns. Nach einiger Zeit schlüpfte daraus ein Adlerjunges, das zusammen mit den gewöhnlichen Hühnerküken aufwuchs.

Sein ganzes Leben lang benahm sich der Adler wie ein Hühnerküken. Schließlich kannte er es ja nicht anders und er dachte, er sei ein Küken aus dem Hinterhof. Manchmal gackerte er und zuweilen flog er auch ein Stück – eben so, wie ein Hühnerküken. Viele Jahre vergingen und der Adler wurde sehr alt.

Eines Tages sah er einen herrlichen Vogel hoch über sich am Himmel. Majestätisch und elegant schwebte er durch die Lüfte, ohne groß mit seinen kräftigen Flügeln zu schlagen. Der alte Adler blickte staunend und sehnsüchtig empor und fragte dann seine Nachbarin, ein Huhn: „Wer ist das?“ Das Huhn sprach: „Das ist der Adler, der König der Vögel. Aber reg dich nicht auf. Du und ich gehören nicht dazu.“

So dachte der alte Adler nicht weiter an den Vogel. Er starb in der Überzeugung, ein Küken im Hinterhof zu sein.

(Nach einer alten Lehrgeschichte,
bearbeitet von Karlheinz Schudt)

Adler oder Huhn?
Wir sehen die Welt nur so, wie wir sie sehen wollen!

Sie kennen sicherlich die Geschichten von Pippi Langstrumpf, dem kleinen, selbstbewussten und starken Mädchen, das mit ihren Tieren in einer alten Villa lebte und gemeinsam mit ihren beiden Freunden viele lustige Abenteuer erlebte. Die Autorin dieser Pippi Langstrumpf Geschichten, Astrid Lindgren, hatte sich für Pippi ein schönes Liedchen ausgedacht, in dem im Refrain folgender Satz vorkam: … „ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt.“…

Steckt in diesem kleinen Satz nicht eine große Wahrheit, die sowohl das Leben der Kinder bestimmt, als auch das von uns Erwachsenen? Ob dies von der Autorin beabsichtigt war oder ob es sich einfach um ein Kinderlied handelte, das sich „nur“ reimen sollte, sei jetzt einfach einmal dahin gestellt. 

Wir Menschen mit unseren großartigen Fähigkeiten und Möglichkeiten sehen meist nur das im Leben, was wir angeblich nicht gut können oder was uns im Alltag belastet. Und wie in der obigen Geschichte identifizieren wir uns mit unserem Umfeld, von dem wir glauben, dass die Umstände es geschaffen haben und wir uns Zeit unseres Lebens damit abfinden müssen. Wen wundert es, dass wir allmählich einen „Lebensstil“ entwickeln, der uns nötigt, nur noch die vermeintlich anderen für unser Wohl und Wehe verantwortlich zu machen. Und dabei übersehen wir immer mehr jene großartigen Fähigkeiten, Stärken und Möglichkeiten in uns, so dass wir am Ende glauben, das zu sein, was wir oder andere von uns glauben oder halten. 

Märchen und Weisheitsgeschichten als Hilfe zur Selbstverwirklichung 

Ein Hühnerküken oder Huhn hat natürlich in den „Augen“ der Schöpfung oder Natur dieselbe Daseinsberechtigung wie ein Adler und somit dasselbe Recht zu leben. Und dennoch drückt diese Geschichte sinnbildlich aus, dass wir Menschen eher das in uns sehen, was klein, hilflos und unfähig ist, anstatt uns der „königlichen“ Natur in uns bewusst zu werden und uns über altgewohnte Glaubenssätze hinaufzuschwingen in jene „Spähren“, die uns weitaus mehr Möglichkeiten und Chancen offenbaren, als wir in unserem selbstgebauten „Gefängnis“ jemals zu erträumen wagten. 

Gewiss, erheben sollten wir uns schon selbst und zugegeben, der Schritt ist nicht einfach, vor allen Dingen, wenn wir schon so viele Jahre in diesem selbstgebastelten „Gefängnis“ sitzen. Aber Gott sei Dank gibt es ja eine Menge an Hilfsmitteln, die uns auf diesem Wege unterstützen könnten. Weisheitsgeschichten und Märchen jedenfalls gehören dazu und wer sie mit dem Herzen hört, der weiß welche nahezu unerschöpflichen Kraftquellen darin verborgen sind. 

Ach ja, und wer mit diesen in Seelenbildern ausgedrückten „Kraftquellen“ auch noch andere Menschen, ob Kinder oder Erwachsene, beglücken möchte, für den ist z.  B. der Beruf eines Geschichten- oder Märchenerzählers, der sowohl als Hobby, neben- oder hauptberuflich ausgeführt werden kann, sehr erfüllend und nützlich. 

© Karlheinz Schudt
Märchenerzähler, Autor, Seminarleiter

Frei erzählen lernen von Geschichten und Märchen

Märchen als Selbsterfahrung und Seelennahrung

selbsterfahrungSo einiges hat die Wissenschaft über das Märchen geschrieben, doch bis heute ist kein Ende abzu­sehen. Wen wundert‘s, denn das Märchen ist zeitlos und in sei­ner Art nicht fassbar. Es drückt in Bildern Ereignisse aus, die jenseits unseres meist überbetonten Verstandesden­kens liegen. Da ist es nur allzu natürlich, dass Kinder mit ihrem noch unbefangenem Staunen die Botschaft des Märchens auf ihre Weise erfassen können.

Märchen für Erwachsene?

Nun bezeichnen die Brüder Grimm ja in Ihrer Sammlung die Märchen als KHM = Kinder und Hausmärchen. Durch diese Unterscheidung kann man erahnen, dass es sich hier nicht ausschließlich um Kindermärchen handelt, sondern, und vielleicht sogar in überwiegender Anzahl, um Märchen für Erwachsene.

So ist es nicht verwunderlich, dass schon lange nicht mehr „nur“ die Kinder von den einfachen und natürlichen Weisheiten der Volksmärchen profitieren, sondern eben auch die Erwachsenenwelt durch Selbsterfahrung und Seelennahrung. Was früher noch als „Erzähl mir doch kei­ne Märchen …“ galt, das zeigt sich schon lange als Möglichkeit, an zeitlose, seelisch-spirituelle Weis­heiten und Wahrheiten zu gelangen.

Märchen als Selbsterfahrung!

Die Psychoanalytiker Carl Gustav Jung und Siegmund Freud waren in dieser Beziehung ihrer Zeit voraus. Gerade C. G. Jung war einer der bedeutendsten Vorreiter in der Arbeit mit Märchen- und Traumbildern. Der Schweizer hat dadurch wesentliches zur Entschlüsselung der geistigen Tradition der Menschheit bei­getragen, die sich in Religion, My­thos und eben in Märchen ausdrückt.

Er fand z. B. heraus, dass das persönliche Unbewuss­te eines jeden Menschen sich in Träumen und Visionen ausdrückt und eine tiefe Ver­wandtschaft mit dem kollektiven Unbewussten hat. Diese Art der menschlichen Ur-Erfahrung drückt sich überall auf der Welt bei den verschiedensten Völkern in der Darstellung von märchenhaften Bildern aus.

Märchen = Maerlin: Kleine Geschichte, Botschaft, Kunde.

Nun gibt es den Namen „Mär­chen“ ja schon im Mittelhochdeutschen. Dort wurde er in der Verkleinerungsform „Maerlin“ angewandt, was nichts anderes als kleine Geschichte, Botschaft oder Kunde bedeutete.

Und jene Märchen haben neben dem Vermitteln von tiefen Weisheiten und zeitlosen Wahrheiten auch noch die Eigenschaft, dem Erwachsenen, sofern er sich dafür offen zeigt, eine Hilfe zur Selbstfindung und Selbsterfahrung zu sein und schließlich zur eige­nen Heilung von innen heraus.

Wer nun märchenhafter leben und sich ein Bild über diese zeitlosen Weisheiten und Wahrheiten machen möchte, der findet in der Märchenzeitschrift und in den 7 Urbildern des Märchens und des Lebens eine großartige Hilfe.

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Gerade jene Menschen, die ihr inneres Gemüt in Märchen oder Weisheitsgeschichten wiederfinden oder neu entdecken, erleben in diesen einfachen und poetischen Schilderungen eine Bejahung ihrer ureigenen Lebensaufgabe und ihres höchsten Lebensziels.

Den Alltag NICHT flüchten, sondern zum Fest machen!

Der Alltag zeigt sich so in einem ganz anderen Licht. Kein Märchen und auch keine Weisheitsgeschichte der Welt hatte oder hat jemals zum Inhalt, dass der Mensch seinen Alltag flüchten sollte.

Ganz im Gegenteil – in seelisch-spirituellen Bildern wird märchenhaft geschildert, wie die Herausforderungen des Alltags gemeistert werden sowie sanfte und wirkungsvolle Wege zu mehr Glück, Liebe, Erfolg und Gesundheit eingeschlagen werden könnten. Der Alltag wird nicht mehr als graues, notwendiges Übel gesehen, sondern als lebensfrohes Fest, das jeden Tag von Neuem beginnt.

© Karlheinz Schudt
Märchenerzähler, Autor, Seminarleiter

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Sex in Märchen und Geschichten, gibt es das?

Sex in Märchen

© Bild: aboutpixel.de, EnEn8418


Welchen Stellenwert hat Sex in den Märchen?

Frage von Felix K.,

Hallo liebes Märchen-Team,

im Rahmen meiner Abschlussarbeit in Kommunikationsdesign recherchiere ich über Märchen und Sagen. Das Thema dieser Arbeit ist ein Magazin für Kinder ab acht Jahren und die erste Ausgabe befasst sich mit dem Thema körperliche Liebe (Sex, Sexualität, Aufklärung).

Gibt es nun Märchen oder Geschichten, die sich explizit mit Sexualität befassen? Man sagt, dass der griechische Gott „Zeus“ in dieser Beziehung ein ziemlicher Schwerenöter war, ich kenne aber keine konkreten Namen von solchen Sagen, die sich diesem Thema näher widmen.

Auch möchte ich mich nicht auf die Sagen und Märchen der westlichen Welt beschränken, da ich vermute, in anderen Kulturkreisen wird mit diesem Thema auch anders umgegangen. Wie bereits erwähnt, ich kenne mich in der Materie kaum aus und bitte um Eure Hilfe!

Keine wirkliche Thematisierung von Sex in den Volksmärchen

Antwort dazu:

Lieber Felix K.,

herzlichen Dank für Ihre Anfrage. Nach meinen Erkenntnissen hat die Sexualität bei den echten Volksmärchen kaum eine große Rolle gespielt, zumindest wurde sie nicht thematisiert. Selbst die Märchen, die von den Brüdern Grimm gesammelt und bearbeitet wurden, hatten in ihrer Urfassung – also so, wie sie die Brüder Grimm mündlich überliefert bekamen – kaum Hinweise auf sexuelle Handlungen, die vordergründig behandelt wurden.

Es wird berichtet, dass die Brüder Grimm sexuell anzügliche Stellen in den ihnen überlieferten Märchen verändert oder weggelassen haben. Dennoch kann nicht davon ausgegangen werden, dass echte Märchen (Volksmärchen) einen unnatürlich großen Wert auf die Darstellung von Sex gelegt haben.

Was allerdings nun aus psychologischer oder psychoanalytischer Sicht zum Thema Sexualität besonders durch den Neurologen, Tiefenpsychologen, Kulturtheoretiker und Religionskritiker Siegmund Freud (1856 – 1939) in die Märchen hinein interpretiert wurde, ist wohl eine andere Sache und müsste in Anbetracht jener Zeit und der persönlichen Lebensumstände von Herrn Freud etwas näher betrachtet werden, wenngleich es sicherlich nur einer von unzähligen anderen Aspekten der Märchendeutung oder -betrachtung ist.

Selbstverständlich gibt es Geschichten, die man gerne unter dem Begriff Märchen führt, die allerdings wenig oder gar nichts mit dieser Gattung zu tun haben. Die Märchenerzählerin Rita Maria Fröhle hat große Erfolge mit ihrem erotischen Märchenprogramm. Diese „Märchen“, oder besser formuliert Geschichten, drücken zwar auf poetische, spielerische, humorvolle und leichte Art Erotik bzw. Sexualität aus, nennen die Dinge aber auch konkret beim Wort.

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Die meisten erotischen Märchen sind eher Geschichten, Schöpfungsmythen

Für Kinder sind diese besonderen Geschichten allerdings nicht zu empfehlen. Sie wurden – bedingt durch die sprachliche Formulierung im Allgemeinen und das Thema Sex im besonderen – eindeutig für Erwachsene geschrieben und sollten auch nur dort erzählt werden.

Sicherlich werden Sie in diesen Kulturkreisen (Afrika, Nordamerika, China, Peru), aus denen u. a. die Geschichten der Märchenerzählerin Rita Maria Fröhle stammen, noch mehr Geschichten finden, die vielleicht einen anderen Zugang zur Sexualität aufzeigen, als z. B. westliche Geschichten.

Ob aber echte Volksmärchen aus diesen Kulturkreisen ebenfalls die Sexualität thematisieren, wage ich im Moment zu bezweifeln. Wie Sie bereits erwähnt haben, werden sie z. B. in Schöpfungsgeschichten und Mythen, etc. eher fündig werden, weniger oder gar nicht in den echten Märchen.

Übertriebener Rummel um die natürlichste Sache der Welt

Wir leben wohl in einer Zeit, in der Sex einen großen Stellenwert einnimmt. Kaum vergeht ein Tag, an dem man durch Werbung, Film und Fernsehen, etc. nicht an seine sexuellen Triebe erinnert wird. Und dennoch (oder deswegen) habe ich den Eindruck, dass eine wirklich natürliche Auseinandersetzung mit dem Thema Sexualität kaum noch möglich ist und Prüderie besonders in jenen Kreisen zu finden ist, die sich als außerordentlich aufgeschlossen und zivilisiert wähnen.

So heißt es in einem erotischen orientalischen „Märchen“ über eine Frau (was übrigens genau so auch für einen Mann zutreffen kann):

„Nach außen hin scheint sie so fromm und demütig wie eine Moschee in der Mittagshitze, in ihrem Inneren aber, da tanzen tausend wilde Teufel!“

Vielleicht ist dies mit ein Grund, warum Sexualität in den alten Volksmärchen nie besonders thematisiert wurde, weil sie als natürlicher und selbstverständlicher Bestandteil zum Leben des Menschen gehört hat, weder künstlich übertrieben noch scheinheilig verdrängt oder unterdrückt, sondern einfach und natürlich gelebt wurde.

© Karlheinz Schudt
Märchenerzähler, Autor, Seminarleiter
Frei erzählen lernen von Geschichten und Märchen