In einem unbekannten Märchen aus der Sammlung der Brüder Grimm („Die weiße Taube“, Urfassung von 1812) muss der älteste Königssohn ein Jahr lang unter einem Birnbaum wachen, dessen Früchte in der Nacht vor der Ernte gestohlen werden. Seine Aufgabe ist es, den Dieb zu entdecken. Das gelingt ihm jedoch nicht, denn im entscheidenden Moment schläft er ein.
Nun könnte man sich als vernünftig denkender Verstandesmensch die Frage stellen, warum er sich die Mühe machen soll, ein ganzes Jahr lang unter dem Baum zu wachen, wenn doch bekannt ist, dass die Birnen erst in der Nacht vor der Ernte gestohlen werden. Wäre es nicht ausreichend, nur in eben dieser Nacht Wache zu halten?
Nun sind Märchen Schilderungen, die über den Verstand hinausgehen und sich nicht allzu sehr um Dinge kümmern, die einem alten, rein verstandesmäßigen Denken entspringen.
Weiterhin wird geschildert, wie der Königssohn in diesem Jahr den Baum wachsen sieht, wie sich seine Blätter entfalten und schließlich seine Früchte reifen. Er durchläuft also einen Reifeprozess, den ihm keine vorgefertigte Antwort abnehmen kann. Mit anderen Worten: Es nützt wenig, die Antwort auf ein Problem zu kennen, ohne den Weg dorthin selbst gegangen zu sein. Eine Antwort befriedigt vielleicht für eine gewisse Zeit unseren Verstand, nicht aber unser Gemüt oder unsere Seele.
Nicht die Antwort, sondern der Weg ist das Ziel
So ist im Grunde nicht die Antwort das Entscheidende, sondern der Weg dorthin. Aber auch der Prozess allein löst das Problem nicht, wenn ihm wichtige Eigenschaften fehlen, die erst im jüngsten Königssohn, dem Dummling, in Erscheinung treten. Dieser erkennt seine eigene Trägheit, überwindet sie und bleibt darüber hinaus offen, empfänglich und mitfühlend für sein Umfeld.
Was heißt das nun für den Alltag des Menschen? Je mehr ich mir Antworten für mein Leben von anderen hole – und dabei spielt es keine Rolle, ob diese von anderen Menschen, Glaubensgemeinschaften, Politik, Büchern oder mitunter sogar von einer KI stammen –, desto größer ist die Gefahr, den eigentlichen Prozess zu vernachlässigen. Gerade in einer Welt, die Antworten auf nahezu alle Angelegenheiten des Lebens von außen erwartet und dabei zusehends künstlicher wird, erscheint mir dies besonders problematisch.
Das innere Gespräch
Je mehr sich ein Mensch dem inneren Gespräch hingibt und Antworten aus seinem tiefsten Inneren erbittet, desto mehr bildhafte, gefühlte und prozessorientierte Botschaften wird er empfangen. Wohlgemerkt beziehen sich diese auf seine gegenwärtige Situation und gelten nicht für alle Zeiten. Das Innerste arbeitet situativ und haftet nicht an der Vergangenheit. Was heute richtig erscheint, kann morgen bereits ganz anders sein.
Das ist – wie bereits erwähnt – für unsere heutige Zivilisation befremdlich, da wir glauben, für alles eine allgemeingültige und dauerhafte Antwort oder Anleitung erhalten zu müssen. So sind wir oft mehr in unserem alten Verstand zu Hause als in unserer Inspiration, Intuition oder Imagination. Wir fühlen uns hilflos, wenn niemand da ist, der uns Antworten gibt.
Eine Antwort bezieht sich auf einen Ausschnitt des Lebens
Doch welche Bedeutung steckt eigentlich im Begriff „Antwort“?
Das Wort stammt aus dem Althochdeutschen (antwurti) und bezeichnete ursprünglich eine Erwiderung auf ein gesprochenes Wort. Eine Antwort entsteht also meist dort, wo bereits eine Frage, eine Behauptung oder ein Problem vorhanden ist. Sie steht gewissermaßen einem bereits bestehenden Gedanken gegenüber.
Vielleicht liegt gerade darin eine interessante Beobachtung: Antworten beziehen sich häufig auf einen bestimmten Ausschnitt des Lebens, auf eine konkrete Situation oder Fragestellung. Sie können hilfreich sein, bleiben aber oftmals auf einen einzelnen Aspekt begrenzt. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass unterschiedliche Menschen auf dieselbe Frage zu unterschiedlichen Antworten gelangen.
Ein Prozess hingegen ist umfassender. Er bezieht alle Entwicklungsphasen ein, die ein Mensch durchläuft, und führt ihn Schritt für Schritt zu einer eigenen Erkenntnis. Während Antworten von außen kommen können, muss ein Prozess erlebt werden. Offenheit, Selbstreflexion und Mitgefühl für die Innen- und Außenwelt sind dafür wichtige Voraussetzungen.
Hören wir nun in der nachfolgenden Geschichte “Die Antwort einer Weinbergschnecke” was uns eine alte Frau und eine Schnecke darüber erzählen können.
Der märchenhafte Podcast
© 2026 “Die Antwort einer Weinbergschnecke” Weisheitsgeschichte, Betrachtung, Stimme von Karlheinz Schudt
Mit märchenhaften Grüßen
Karlheinz Schudt
Märchenerzähler, Autor, Coach


