Nun sind ja (Volks-)Märchen keineswegs historische Schilderungen, wenngleich immer wieder der Versuch unternommen wird, sie darauf zu reduzieren und ins Fantastische, Unwirkliche zu verbannen, mit denen man bestenfalls Kinder beeindrucken oder erziehen kann. Ja, für unseren Verstand sind sie es, denn wie kann eine junge Frau hundert Jahre schlafen und dann wieder neu erwachen? Doch Märchen sind Seelenbilder und drücken in unterschiedlichen Varianten innere Prozesse, Herausforderungen und Lösungsmöglichkeiten aus, die sich der Mensch schon seit Urzeiten bewusst macht.
“Da stach sie sich in die Spindel und fiel alsbald in einen tiefen Schlaf. Da auch in dem Augenblick der König und der Hofstaat zurückgekommen waren, so fing alles im Schloss an zu schlafen, bis auf die Fliegen an den Wänden. Und um das ganze Schloss zog sich eine Dornhecke, dass man nichts davon sah.”
(Aus Dornröschen, Urfassung von 1810, Sammlung der Brüder Grimm)
So spielt der Schlaf im Märchen immer wieder eine große Rolle. Im Schlaf ruht sich der Körper aus, so heißt es jedenfalls. Aber was macht unsere Seele und wie verhält es sich mit unserem Geist? Müssen sie sich auch ausruhen? Zunächst ist gerade das Ruhigstellen des Körpers eine natürliche Meditation oder Einkehr in unser Innerstes. Unser Körper muss keine künstlichen Übungen vollziehen, um sich nach Innen zu begeben. Er tut dies einfach und schickt seinen ersten „Boten“, die Müdigkeit. Dann legen wir uns in die Horizontale und schließen unsere Augen. Als ob sich unser Körper in seiner ganzen Länge mit der Erde verbinden möchte, denn wer kann schon im Stehen schlafen, nur alleine auf seinen Füßen?
“Da kam das Täubchen wieder geflogen und brachte ein anderes goldenes Schlüsselchen im Schnabel und sagte: »Schließ dort den Baum auf, so wirst du ein Bett finden.« Da schloss es auf und fand ein schönes, weiches Bettchen; da betete es zum lieben Gott, er möchte es behüten in der Nacht, legte sich und schlief ein. Am Morgen kam das Täubchen zum drittenmal, brachte wieder ein Schlüsselchen und sprach: »Schließ dort den Baum auf, da wirst du Kleider finden«, und wie es aufschloss, fand es Kleider, mit Gold und Edelsteinen besetzt, so herrlich, wie sie keine Königstochter hat.”
(Aus: Die Alte im Wald, Sammlung der Brüder Grimm)
Der Körper im “Stand by”-Modus
Der Körper fährt seine Funktionen zurück und versetzt sich in einen sogenannten „Stand by“-Modus. Das Schließen der Augen ist ein weiteres natürliches Verhalten, um alles, was uns vorher noch so überaus wichtig erschien, auszublenden und uns auf eine innere Welt vorzubereiten. Wir gehen nun in die Dunkelheit, dort hinein, wo es keine Ablenkung mehr gibt und wir nur noch mit uns selbst, unseren inneren Bildern, Stimmungen und Gefühlen konfrontiert sind. Aber auch diese sind uns nur noch kurze Zeit bewusst, denn die Müdigkeit bringt uns jetzt zum Tor der Nacht. Mit dem Überschreiten der Schwelle senkt sich dann der Schleier des Vergessens über das menschliche Gemüt und wir können uns beim Erwachen nur noch an Fragmente in Form unserer Träume erinnern, die wir im Schlaf in jener „anderen“ Welt erlebt haben.
“Am andern Morgen rief die Stiefmutter das Mädchen und sprach: »Da hast du einen Löffel, damit schöpfe mir den großen Teich aus, der bei dem Garten liegt. Und wenn du damit abends nicht zu Rand gekommen bist, so weißt du, was erfolgt.« Das Mädchen nahm den Löffel und sah, dass er durchlöchert war, und wenn er es auch nicht gewesen wäre, es hätte nimmermehr damit den Teich ausgeschöpft. Es machte sich gleich an die Arbeit, kniete am Wasser, in das seine Tränen fielen, und schöpfte. Aber die gute Alte erschien wieder, und als sie die Ursache von seinem Kummer erfuhr, sprach sie: »Sei getrost, mein Kind, geh in das Gebüsch und lege dich schlafen, ich will deine Arbeit schon tun.«”
(Aus: Die wahre Braut, Sammlung der Brüder Grimm)
Eine Welt hinter unseren Träumen
Doch selbst die Träume zeigen uns nur einen Bruchteil dessen, was unsere Seele tatsächlich dort erlebt. Aus der Traumforschung ist ja bekannt, dass der Mensch mehrere Träume in der Nacht hat, die meist nur sehr kurz sind, auch wenn diese ihm anschließend länger vorkommen. Wo aber hält sich unsere Seele in der Zeit auf, in der wir nicht oder ganz anders träumen? Kann es vielleicht sein, dass es noch eine Welt oder womöglich noch viele solcher Welten gibt, die jenseits oder hinter unseren Träumen liegen, an die wir uns nicht oder nur sehr schwer erinnern können? Vielleicht aber ist unsere Seele ständig mit diesen Welten verbunden und der Schlaf ist nur eine Möglichkeit, dorthin zu gelangen. Aber wenn die Seele keine Trennung kennt zwischen der diesseitigen und jenseitigen Welt, dann ist es doch auch möglich, diese „Welten“ im Wachzustand zu besuchen, daraus zu schöpfen und großartige Erkenntnisse für die Meisterung unseres Alltags zu gewinnen.
“Als der Teufel gegessen und getrunken hatte, war er müde, legte der Ellermutter seinen Kopf in den Schoß und sagte, sie sollte ihn ein wenig lausen. Es dauerte nicht lange, so schlummerte er ein, blies und schnarchte. Da fasste die Alte ein goldenes Haar, riss es aus und legte es neben sich. ‘Autsch!, schrie der Teufel, ‘was hast du vor?’ ‘Ich habe einen schweren Traum gehabt,’ antwortete die Ellermutter, ‘da hab ich dir in die Haare gefasst.’ ‘Was hat dir denn geträumt?’ fragte der Teufel.”
(Aus: Der Teufel mit den drei goldenen Haaren, Sammlung der Brüder Grimm)
Regeneration, Vorbereitung und Einweihung
Findet vielleicht nicht dort die eigentliche Regeneration, Vorbereitung und vielleicht sogar Einweihung statt, die es uns ermöglicht, unser Lebensziel und unseren Lebensplan immer wieder von Neuem zu ergreifen und konsequent zu verwirklichen? Wir träumen oder begeben uns durch den Schlaf über den Verstand hinweg in eine Welt hinein, um tiefe Offenbarungen unserer Seele und unseres Geistes zu ergründen und sich derer bewusst zu werden. Denn was ist das Leben anderes, als ein ständiges „Ringen“ um Erkenntnis, um das Wachwerden für Dinge, die uns in der Vergangenheit nicht aufgefallen sind oder gemäß unseres Entwicklungs- und Bildungsstandes gar nicht auffallen konnten?
Selbst das Wort „Entwicklung“ lässt uns erahnen, dass uns aus einem noch ungeformten, vielleicht sogar unbewusst verwickelten, chaotischen Zustandes etwas Verwandeltes, Klares und Bewusstes entgegen kommt, das sich eben nur durch dieses sich in eine andere Welt Hineinträumen offenbaren kann.
Und was dem menschlichen Gemüt bewusst geworden ist, gibt ihm wiederum Klarheit für sein Leben, Richtung und eine neue Sichtweise, Dinge im Alltag gelassener, souveräner und lösungsorientierter zu behandeln. Ja man könnte sogar fast sagen, dass jeder geistige Bewusstseinsprozess sogar ein außergewöhnlicher Heilungsprozess ist, der nicht nur die menschliche Seele befreit, sondern auch noch gesundheitliche Auswirkungen auf den physischen Leib haben kann.
Und welche Geschichten so im Schlaf bzw. im Traum entstehen können, hören sie nun in der “Geburt des blauen Planeten”:
© 2012 “Die Geburt des blauen Planeten”: Karlheinz Schudt und Verlag Märchenhaft leben e.V.
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Mit märchenhaften Grüßen
Karlheinz Schudt
Märchenerzähler, Autor, Coach


