Was die Stimme alles kann: „Am Anfang war das Wort …“

Was die Stimme alles kann

© 2019 Foto: Attila Melzer

Wussten Sie übrigens, dass viele Unternehmen derzeit einen Sprachanalyse-Computer benützen, um herauszufinden, wie wir ticken? Haben Sie auch schon einmal in einem Unternehmen, bei dem Sie Kunde sind, angerufen und wurden dann von einer Computerstimme gebeten, ob Sie damit einverstanden sind, dieses Gespräch z. B. für Auswertungszwecke aufnehmen zu lassen?

Die Stimme als Eingangstor in unser Innerstes

Ich sage dann immer „Ja“, weil ich denke, dass so der ganze Sachverhalt für evtl. spätere Missverständnisse aufgeklärt werden kann. Aber das ist offenbar nur zum Teil richtig. Denn am Ende sollen vielfach Sprachcomputer anhand eines harmlosen Gesprächs mit anschließender psychologischer Auswertung herausfinden, was unsere Vorlieben und Neigungen sind.

Und das können sie offensichtlich auch laut einem Artikel in der Print-Ausgabe 02/2019 von Technology Review. Nur durch die Art und Weise wie wir sprechen und uns ausdrücken. Sprachgeschwindigkeit, die Wahl unserer Begriffe, Betonung, (Un-)Sicherheiten in der Stimme, etc. spielen dabei eine wichtige Rolle. Welche Charakterzüge haben wir, was fühlen wir, ja sogar unter welchen Krankheiten leiden wir – all das und noch viel mehr enthüllt unsere Stimme.

Dass diese Art und Weise der Stimmanalyse nicht neu ist, weiß eigentlich jeder Mensch unbewusst, der sich mit anderen unterhält. An der Stimme und dem, wie sie angewandt wird, erkennt man meist, was dem anderen Menschen fehlt – vorausgesetzt man hat ein Ohr dafür. Erschreckend (aber nicht überraschend) ist nun allerdings doch die Tatsache, dass auch hier versucht wird, anhand unserer Stimme herauszufinden, für welche Produkte und Dienstleistungen aus der Wirtschaft wir empfänglich sind ODER gemacht werden sollen.

Habe ich noch meine natürliche Stimme?

Die einen sprechen zu schnell, zu laut oder zu leise, andere brummen in sich hinein, nuscheln und verschlucken viele Worte und wieder welche krächzen, schnarren oder sprechen nur noch mit ihrem Kopf (= Kopfstimme). Es gibt auch Menschen, die sich zwar klar und bewusst artikulieren, aber dadurch überbetont hart und künstlich klingen. Ob Mann oder Frau, fast jede(r) hat so sein jahrzehntelang eintrainiertes Stimm-Muster. Aber was ist eigentlich (m)eine natürliche Simme?

Es gibt „Stimmschulen“, die durchaus sehr geeignet sind, sich mit der eigenen Stimme bewusster auseinander zu setzen. Auch bei Handicaps wie z. B. „Stottern“ oder anderen Stimm-Schwierigkeiten können sie großartige therapeutische Erfolge erzielen. Fragwürdig wird es allerdings dann, wenn Menschen ihre natürliche Stimme „umerziehen“ wollen, weil sie ihnen nicht mehr gefällt oder sie aus beruflichen Gründen dazu „gezwungen“ werden bzw. sich selbst dazu zwingen.

Allzu schnell nimmt man so durch ständiges Trainieren etwas an, was der eigenen natürlichen Stimme nicht mehr entspricht. Am Ende hat man auf künstliche Weise ein neues „Korsett angezogen“, das noch mehr von dem eigenen Naturell entfremdet.

Wer bestimmt eigentlich, wie eine Stimme zu klingen hat?

Selbstverständlich bestimmen das nur Sie selbst, niemand anderes. Schließlich weiß Ihre Stimme und Ihr Körper ganz von alleine und von Kindheit an, wie sie oder er sich zu verhalten hat. Das, was sich im Laufe des Lebens an unserer natürlichen Stimme verändert, bewirken unsere innere Einstellung, unsere Ängste, Zwänge und Vorstellungen, wie man zu sein und zu funktionieren hat und so dem allgemeinen Trend am besten entspricht.

Gerade in der Ausbildung zum/r Geschichten- und MärchenerzählerIn spielt die Stimme als besonderes „Werkzeug“ eine wichtige Rolle. Sie ist nicht nur das Eingangstor in das Innerste eines Menschen, sondern sie öffnet auch beim Zuhören die inneren Augen und Ohren des Publikums. Je natürlicher die eigene Stimme also klingt, desto ehrlicher, authentischer und charismatischer kommt sie auch bei den ZuhörerInnen an.

„Am Anfang war das Wort …“

Bei dieser Ausbildung geht es weniger um „Stimmschulung“, sondern darum, mit welcher Geisteshaltung und Herzensstimmung ein/e ErzählerIn unterwegs ist und welche Inhalte er oder sie damit offenbaren möchte. Gerade Märchen mit ihren sinnbildlichen (Lebens-)Weisheiten oder Geschichten, frei erzählt mit der natürlichen Stimme, können dabei unterhaltsam, entspannend und ganz besonders heilsam für sich selbst und andere sein.

© Karlheinz Schudt
Märchenerzähler, Autor, Seminarleiter

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