Ein Märchenfest der schönsten Märchen und Geschichten

Passend zum 200. Jahr des erstmaligen Erscheinens der Grimmschen Märchen trafen sich am Wochenende vom 22. auf den 23. September 2012 auf dem Caterinenhof in Ehra-Lessien acht Märchenerzählerinnen und -erzähler, um Kinder und Erwachsene mit einer Fülle von zauberhaften und wundersamen Märchen und Geschichten zu erfreuen.

Als Märchenerzählerin ausgebildet

Ursprung für dieses Märchenfest sei ihre Ausbildung zur Märchenerzählerin in Vlotho gewesen, erzählte die Gastgeberin Caterina Kautz, die nun zum dritten Mal mit dieser märchenhaften Veranstaltung alle Altersgruppen einige Stunden lang in die Welt der Märchen eintauchen ließ, die nicht nur unterhielten und entspannten, sondern auch tiefste Lebensweiheiten vermittelten.

Der „Goldene Kugel“ Märchenparcours für Kinder

Zuerst kamen die Kinder in den Genuss des „Goldenen Kugel“ Märchenparcours mit dem Motto „Überwinde den Drachen und lasse Dich krönen“! Dabei galt es mit einer goldenen Kugel sieben Orte zu finden, die zum Versteck des Drachen führten. Mit viel Begeisterung und Kreativität konnten die ca. 100 Kinder schließlich den Drachen besiegen, sein Geheimnis lüften und wurden dann am Ende mit ihrer eigens gebastelten Krone zum König und zur Königin gekrönt.

Märchenabend für Erwachsene

Der Samstagabend gehörte schließlich den Erwachsenen. Bereits am späten Nachmittag tummelten sich zahlreiche Gäste im märchenhaften Garten des Caterinenhofs, um sich von den Rittern der Freien Wulfesburger Ritterschaft im Bogenschießen unterweisen zu lassen, das Körpertheater Carlotta zu bewundern, dem Harlekin Friederike Schiebenhöfer mit seinen heiteren Lebensweisheiten zuzuhören, einfühlsame und farbenprächtige Märchenbilder von Christine Winkel zu betrachten oder kunstvoll gefertigte Märchenwollebilder von Bärbel Siegroth zu bestaunen.

Mit Urvertrauen und Mitgefühl kommt jede(r) zum Lebensziel war dann das Motto des Märchenabends für Erwachsene. Jedes echte Märchen hat immer ein glückliches Ende und die Märchen-Protagonisten kommen jedesmal gestärkt, mit neuen Erkenntnissen und Chancen aus diesen Lebens-Prüfungen hervor. Wie das Glück und die Fülle letztendlich sich aber nur jenen zeigen, die mitfühlend und mit einer gehörigen Portion Urvertrauen sich auf den Weg machen, erlebten die ca. 100 erwachsenen Zuhörer an diesem Märchen-Abend. Eine ganz besondere Vielfalt von Geschichten und Märchen aus unterschiedlichen Kulturen bezauberte das Publikum an diesem Abend, die besinnlich, zum Schmunzeln und von Herzen frei von den anwesenden Märchenerzählerinnen und erzählern vorgetragen wurden.

Und zuguterletzt …

Auch die Natur machte keinen Hehl daraus, dass ihr dieser märchenhafte Tag besonders gefallen hat. So zeigte sich am Mittag ein wunderschöner Regenbogen am Himmel und der Sonnenuntergang am Abend ließ ebenfalls vermuten, dass sich auch die Sonne zufrieden in ihr Bett legte, wenngleich es dann doch noch einige unermüdliche gab, die diese märchenhafte Stimmung am Lagerfeuer ausklingen ließen.

© Karlheinz Schudt
Märchenerzähler, Autor, Seminarleiter
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Wenn der Tod kommt, dann ist Sense!

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Wenn der Tod kommt, dann ist Sense!

Die lateinische Redewendung „taliter aliter“ (vollkommen anders) hat ihren Ursprung in einer mittelalterlichen Erzählung von zwei Mönchen, die sich das Jenseits in den schönsten Farben ausmalten, und sich dann gegenseitig versprachen, dass der, welcher zuerst sterben würde, dem anderen im Traum erscheinen und ihm nur ein einziges Wort sagen solle.

Entweder „taliter“ – es ist so, wie wir uns das vorgestellt haben, oder „aliter“ – es ist anders, als wir es uns vorgestellt haben. Nachdem der erste gestorben war, erschien er dem anderen im Traum, aber er sagte sogar zwei Worte: „Taliter aliter!“ – Es ist VOLLKOMMEN ANDERS als in unserer Vorstellung.

Stellen Sie sich einmal vor, Sie haben Ihr ganzes Leben lang meditiert, gebetet, eine spirituelle Übung nach der anderen gemacht, sich unzählige Vorstellungen über ein „Leben nach dem Tod“ zurechtgelegt, Vorträge, Kurse und Seminare besucht und sich eine Meinung nach der anderen gebildet.

Eines sicheren Tages werden wir Menschen ja alle diesen „Weg ins Jenseits“ gehen, aber kam Ihnen auch schon einmal der Gedanke, dass alles „dort“ ganz anders sein könnte, als wir es uns jemals ausmalen konnten?

Alles ist ganz anders!

Nun stellt doch der religiöse Mensch auf einmal fest, dass „Gott“ ganz anders ist und sich überhaupt nicht an seine menschlichen Vorstellungen hält und der Atheist erkennt plötzlich die geistige Fülle des Universums und dass „Gott“ im Grunde niemand anderes war und ist, als er selbst.

Wie viele Vorstellungen, Bilder und Meinungen machen wir uns doch im Laufe des Lebens? Wir bewegen uns voll von alten Erfahrungen nur noch in der Vergangenheit, sind von politischen und spirituellen Meinungen über etwas zum ziellosen Dahinvegetieren getrieben, klammern uns an Geld, materiellem Gut, Besitz und äußerem Reichtum fest und bemerken nicht einmal, dass wir unseren „Rucksack“ fürs Leben mit „altem Zeug“ nur noch voller packen. Das eigentliche Leben rauscht an uns vorbei und wir, wir sind nur noch mit der Last unseres Rucksackes beschäftigt.

So kommen wir eines Tages an dieGrenzen unseres so scheinbar mühsamen Lebens und überschreiten die Schwelle zum Tod – und was erleben wir?

Dunkelheit, Regungslosigkeit und absolute Stille!

Erschreckt Sie der Gedanke? Und wenn ja, was erschreckt Sie daran? Ist es die Tatsache, dass Sie plötzlich vollkommen auf sich gestellt sind, dass es keine Flucht mehr in äußere Ablenkungen gibt, dass die jahrzehntelangen Vorstellungen und Meinungen über etwas sich urplötzlich auflösen in „Schall und Rauch“?

Ist es die scheinbare Leere, die Sie vielleicht antreffen?

Wer nicht stirbt, bevor er stirbt, verdirbt, wenn er stirbt.
(Jacob Böhme, Mystiker und Schuster von Görlitz, 1575 – 1624)

Vielleicht aber hat diese Leere gar nichts mit dem eigentlichen Tod zu tun, sondern nur mit unserer Einstellung zum „vorangegangenen“ Leben? Eventuell ist sie nichts anderes, als die Konfrontation mit unserem ureigenen Selbst? Möglicherweise zeigt sie uns das, was wir ein ganzes Leben lang vernachlässigt haben, da wir viel mehr mit unseren Vorstellungen über das Leben beschäftigt waren, als mit dem Leben selbst!

Auch hier könnte uns das Märchen wertvolle Hinweise bieten, Leben und Tod einmal von einem ganz anderen Blickwinkel aus zu betrachten.

Das Märchen ist in seiner wohlbekannten und vertrauten Art völlig unkompliziert. Wie oft bemerken wir, dass im Märchen die Ebenen sich blitzartig ändern. Der Märchenheld hat Kontakt mit einem Menschen und im nächsten Augenblick unterhält er sich mit Zwergen, sprechenden Tieren oder anderen zauberhaften und übersinnlichen Wesen.

Für das Märchen gibt es die Trennung zwischen Leben und Tod nicht. Der Märchenheld ist wach im Diesseits und wach im Jenseits. Er lässt sich z. B. vom Fährmann über den Strom des Lebens hinüberfahren und trifft am anderen Ufer den Teufel, den er mit Hilfe seiner Ellermutter um drei goldene Haare beraubt, die ihm schließlich zu einem weisen und liebenden König verhelfen.

Der Märchenheld lebt und handelt in einer Welt mit unterschiedlichen „Bewusstseinsebenen“, aber auf jeder Ebene ist er wach und präsent.

So können wir vieles von den Märchenhelden und -heldinnen lernen und so manche Schwellenerlebnisse im Alltag könnten neue Türen öffnen, die wir vorher niemals vermutet hätten.

© Karlheinz Schudt
Märchenerzähler, Autor, Seminarleiter
Schreibkurs für kreative - kreativ schreiben lernen