Frau Holle Märchen und Sagen

In welchem Märchen kommt dieses Motiv vor: „Ein Mädchen springt in einen Brunnen und wacht im „Himmel“ wieder auf!“

Haben Sie es erkannt?

Ja, es ist das von den Brüdern Grimm gesammelte Märchen der „Frau Holle“,das landläufig unter „Goldmarie und Pechmarie“ bekannt ist. Aber vielleicht wissen Sie bereits, dass es viele Märchen und Sagen von der Frau Holle gibt und jede dieser weisheitsvollen Geschichten übt eine besondere Faszination aus. Ob es sich nun um „die 3 Wünsche“, „Goldener“, „Die Blaue Blume von Tirol“ oder „Die Herrin vom Rosengarten“ handelt, sie alle und noch viele mehr beschreiben die „Große Mutter“ oder „Urmutter“, so wie sie auch gerne gerufen wird, als helfendes aber auch strafendes Wesen.

Frau Holle, der Hohe Meißner und der Frau Holle Teich

Frau Holle, Frau Hulda, auch Berchta, Frau Gode, Frau Herke oder Große Mutter genannt, ist als bedeutendste mythologische Gestalt oder wesenhafter Naturgeist in Sagen und Märchen überliefert. Sie wacht besonders über die häusliche Ordnung und Liebestreue. Bekannt ist sie vor allem aus dem Märchen der Brüder Grimm, aber auch durch die vielen Sagen, deren Heimat der Hohe Meißner ist, der „König der hessischen Berge“. Besonders vertraut ist dieser 740 m hohe Berg durch den Frau-Holle-Teich, der seine Wasser zu gleichen Teilen ostwärts zur Werra und nach Westen hin in die Fulda entsendet. Bei Münden treffen sie dann wieder in der Weser zusammen.

Über diesen mystischen Ort des Frau-Holle-Teichs
wissen die Brüder Grimm folgendes zu berichten
:

„Dieser Teich, an der Ecke einer Moorwiese gelegen, hat gegenwärtig nur vierzig bis fünfzig Fuß Durchmesser; und nicht selten sind auf ihr Pferde versunken. Von dieser Holle erzählt das Volk vielerlei, Gutes und Böses. Weiber, die zu ihr in den Brunnen steigen, macht sie gesund und fruchtbar, die neugeborenen Kinder stammen aus ihrem Brunnen, und sie trägt sie daraus hervor. Blumen, Obst, Kuchen, das sie unten im Teiche hat und was in ihrem unvergleichlichen Garten wächst, teilt sie denen aus, die ihr begegnen und zu gefallen wissen …

… Gern zieht sie die Kinder in ihren Teich, die guten macht sie zu Glückskindern, die bösen zu Wechselbälgen. Jährlich geht sie im Land um und verleiht den Äckern Fruchtbarkeit, aber auch erschreckt sie die Leute, wenn sie durch den Wald fährt, an der Spitze des wütenden Heers. Bald zeigt sie sich als eine schöne weiße Frau in oder auf der Mitte des Teiches, bald ist sie unsichtbar, und man hört bloß aus der Tiefe ein Glockengeläut und finsteres Rauschen.“

Vom historischen Schauplatz zu märchenhaften Seelenbilder

Doch wenden wir uns wieder diesem uns bekannten Motiv der Brüder Grimm zu. Ist es nicht seltsam, dass jemand in den Brunnen springt und im Himmel wieder erwacht, schließlich schüttelt das Mädchen die Betten aus und es schneit auf der Erde.

Dass es sich bei diesen sinnbildlichen Schilderungen, auch wenn sie sich an historischen Orten abspielen oder abspielen sollen, nicht um historische Prozesse sondern um Seelenbilder handelt, dürfte jedem Menschen einleuchten, der vorurteilsfrei, offen und von Herzen dieses Märchen betrachtet.

Im sogenannten realen Leben stehen wir nicht selten vor einer schier unlösbaren Aufgabe und nur das Urvertrauen und die Zuversicht auf das gute Ende treibt uns voran. Wie es ausgeht, wissen wir nicht, aber unsere Ahnung oder innere Stimme sagt uns, dass diese Herauforderung gerade jetzt für unsere Entwicklung entscheidend und notwendig ist, auch wenn wir mit unzähligen Zweifeln zu kämpfen haben.

Das Mädchen stellt sich seinen Herausforderungen, springt in den Brunnen, verliert die „irdische Besinnung“ und erwacht in einer „anderen Dimension“. Und gerade in jener Dimension, nennen wir sie „Anderswelt“, „Traumwelt“, „Himmel“, etc. erhält es die Hilfe, die es schließlich zu Glück und Reichtum führt. Dies alles ist aber nur möglich, weil es selbst mitfühlend und demütig (nicht unterwürfig) genug ist, anderen ihr Herz (Brot, Apfelbaum, Frau Holle) zu öffnen und nahezu selbstlos zu handeln.

Wie es aber denen letztendlich ergeht, die eine solche Gesetzmäßigkeit schamlos nur für ihre eigene Gier, Habsucht und Macht missbrauchen, zeigt uns sinnbildlich die Gestalt der Pechmarie.

Nicht nur die Goldmarie, sondern auch die Pechmarie lebt in uns!

Aber „Hand aufs Herz“, so gerne wir uns mit der „Goldmarie“ identifizieren, so gerne wir die Rolle des „Gutmenschen“ spielen, so gerne wir die Gestalt der „Pechmarie“ nur in den anderen Menschen sehen und verurteilen, so ungern müssen wir uns auch eingestehen, dass wir das Wesen der „Pechmarie“ ebenso in unserer eigenen Seele tragen, auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen.

Aber ist es denn wirklich so schlimm? Gehören nicht beide zu einem vollkommenen (nicht perfekten) Menschen oder hat DIE SCHÖPFUNG alles verkehrt gemacht?

Schlimm wird es erst, wenn wir an diesem Anteil der „Pechmarie“ hängen oder in gar verdrängen, denn dann können wir auch nicht die letztendlich wichtigen Fragen stellen:

>>> WIE erkennen wir diesen Anteil in uns, vor allem die Konsequenzen auf Mit-Mensch und Natur und
>>>
WAS machen wir konstruktives und lebensbejahendes für alle daraus?

Wie Sie selbst diese märchenhaften Seelenbilder entschlüsseln und für ein erfüllteres Leben anwenden können, wie gerade jene Sinnbilder ungewöhnliche Lösungen für festgefahrene Probleme im Alltag weisen können und wie man damit Erwachsene und Kinder beglücken kann, erfahren Sie

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© Karlheinz Schudt
Märchenerzähler, Autor, Seminarleiter
Im Paradiesgarten der Frau Holle

Was ist Glück, was ist Unglück?

Glück, Unglück

Im alten China lebte einst ein armer alter Bauer, dessen einziger Besitz ein wundervoller und kräftiger Hengst war. Eines Tages wollte der Kaiser dieses schöne Pferd für viel Geld kaufen, doch der Bauer antwortet nur: „Mir fehlt es an nichts. Einen Freund verkauft man nicht.“
 
Die Dorfbewohner lachten über soviel Dummheit. Wie konnte der Alte bloß wegen eines Pferdes soviel Reichtum und Glück ausschlagen? Eines Morgens war das Pferd davongelaufen. Die Dorfbewohner liefen aufgeregt zusammen, um das Unglück des Bauern zu beklagen: „Ach, das Unglück hat dich schwer getroffen.“ Der alte Bauer blickte ruhig in die Runde, nickte bedächtig und sagte: „Vielleicht ist es ein Unglück, vielleicht auch nicht. Wer weiß das schon?“ Kopfschüttelnd gingen die Leute auseinander. Der Alte musste verrückt geworden sein.
 
Wenige Tage später stürmte der vermisste Hengst laut wiehernd die Dorfstraße entlang, gefolgt von sechs wunderschönen wilden Stuten, die ihm in die Koppel neben dem leeren Stall folgten. „Du glücklicher Bauer“, riefen da die Dorfbewohner! „Jetzt hast du sieben Pferde und bist doch noch reich geworden. Bald wirst Du jede Menge Fohlen haben. Du musst nun ein glücklicher Mann sein!“ Der Alte schaute gelassen in die aufgeregte Menge und sprach: Vielleicht ist es ein Glück, vielleicht auch nicht. Wer weiß das schon?“

Der alte Bauer hatte einen einzigen Sohn. Er begann die Wildpferde zu zähmen und stürzte eines Tages beim Zureiten vom Pferd. Dabei brach er sich beide Beine und konnte Zeit seines Lebens nur noch humpeln. Wieder versammelten sich die Leute vor dem Haus des Alten. „O du armer, unglücklicher Mann!“ jammerten sie, „Dein einziger Sohn ist nun ein hilfloser Krüppel und kann dir keine große Hilfe mehr im Alter sein“.  Abermals schaute der Alte in die Runde und antwortete: „Ihr könnt nur urteilen und seht die Welt entweder schwarz oder weiß. Vielleicht ist es ein Unglück, vielleicht auch nicht. Wer weiß das schon?“

Einige Zeit später wollte der Kaiser einen Krieg gegen sein Nachbarland führen. Alle jungen Männer wurden zwangsweise zu Soldaten eingezogen, obwohl alle wussten, dass die meisten Männer aus diesem blutigen Krieg nicht mehr zurückkommen würden. Wieder einmal liefen die Dorfbewohner vor dem Haus des alten Bauern zusammen: „Wie recht du doch hattest. Jetzt bringt dein verkrüppelter Sohn dir doch noch Glück. Wir sehen unsere Söhne bestimmt nie wieder, wenn sie erst einmal im Krieg gefallen sind.“

Lange redeten die Dorfbewohner aufgeregt unter sich weiter und schließlich wandten sie sich wieder an den alten Bauern und sprachen: „Du bist so ein weiser Mann. Wir möchten dich als Bürgermeister haben.“ Der Alte schaute nachdenklich in die Gesichter der Leute, dann erwiderte er: „Wenn ich euch nur helfen könnte, weiter und tiefer zu blicken, als ihr es bisher tatet. Niemand von uns weiß, wie sich das große Bild der Schöpfung zusammensetzt. Was eben noch wie ein großes Unglück scheint, mag sich im nächsten Moment als Glück erweisen.

Ihr wollt mich als Bürgermeister haben? Nun, vielleicht ist es ein Glück, vielleicht auch nicht. Wer weiß das schon? Geht nach Hause und freut euch über jeden Moment des Lebens, der euch geschenkt wird.“ Nachdem der Alte seine letzten Worte gesprochen hatte, drehte er sich um und ging in sein Haus.

Ob er Bürgermeister wurde, ich weiß es nicht, was glaubt Ihr???

Nach einer alten taoistischen Parabel,
bearbeitet von Karlheinz Schudt

Könnten wir jemals das Licht schätzen,
wenn es keine Dunkelheit gäbe?

Der Mensch verbringt sein ganzes Leben lang in dieser Polarität und je mehr er sich der einen Seite zuwendet, desto massiver kommt die andere. Das ist wohl das „Prinzip des schöpferischen Ausgleichs“. Hierbei geht es nicht um „Göttliche Bestrafung“, „Himmel und Hölle“, „Karma“ oder was man sich sonst noch an dogmatischen Weltbildern geschaffen hat.

Das schöpferische Prinzip strebt von Natur aus immer einen Ausgleich an. Es kennt kein „Gut“ oder „Böse“ sondern ist nur darauf bedacht, im Gleichgewicht zu sein. Was für den einen als „Gut“ erscheinen mag, ist für den anderen abgrundtief „Böse“.

Weise wird wohl der Mensch sein, der es versteht, die Goldene Mitte zu finden und immer weniger sein Leben nach „Glück“ und „Unglück“ oder „Licht“ und „Dunkelheit“ aufzuteilen, sondern in allen Dingen einen Sinn und eine Stufe zur eigenen Entwicklung und folglich auch zur Entwicklung der gesamten Menschheit zu sehen, auch wenn diese Sicht- und Lebensweise zuweilen mehr als schwierig scheint und mit Passivität nichts zu tun hat.

Höhen und Tiefen wechseln sich ab!

In den typischen klassischen Märchen wird das Ergebnis dieser Entwicklung durch Höhen und Tiefen am Ende immer durch die Vereinigung von Liebe und Weisheit, durch Hochzeit und Krönung ausgedrückt. Selbstverständlich geht es da um die innere Vereinigung oder „Himmlische Hochzeit“, also auch um die Integration oder Versöhnung mit all jenen sogenannten „Untaten“, die man an sich selbst UND an anderen nicht ausstehen konnte (oder kann).

Körper, Seele und Geist „wissen“ sehr wohl, was „gut“ für sie ist!

Schließlich kann man ja nur ganz und heil sein, wenn man alle „Seiten“ in sich vereint und sinnvoll für alle nutzt. Denn wenn wir z. B. als Mensch kein x-beliebiges Zufallsprodukt irgendeiner Laune der Natur sind, dann wird sich doch die „Vollkommene Schöpfung“ etwas dabei „gedacht“ haben, uns so zu kreieren, wie wir sind? Also vollkommen (nicht perfekt) und somit wäre es viel sinnvoller, uns selbst zu entdecken in unserer wahren und einfachen Natürlichkeit, als nach immer neuen künstlichen Wegen und komplizierten Methoden zu suchen, uns zu verwirklichen.

Als ob Körper, Seele und Geist nicht selbst „wüssten“, was „gut“ für sie ist. Lauschen wir also nach innen, bewegen wir es in unserem Herzen, anstatt uns durch starre Regeln, unnatürliche Übungen und Dogmen noch mehr zu entfremden.

© Karlheinz Schudt
Märchenerzähler, Autor, Seminarleiter