Ansichten oder der Streit um einen Elefanten. Eine Geschichte

Ansichten über einen Elefanten

Ein indischer Fürst rief einmal einige Blindgeborenen des Landes zusammen. Alle standen nun um einen Elefanten herum und betasteten das große Tier. Jeder dort, wo er gerade stand. Dann ging der Fürst zu den Blinden hin und fragt sie:

„Habt ihr erkannt, was nun ein Elefant ist?“ „Ja“, erwiderten alle. Und als er weiter fragte: „Wie ist denn der Elefant?“ Da sagte einer, der das große Ohr betastet hatte: „Der Elefant ist wie eine Schaufel.“

„Nein“, meinte da ein anderer, „der Elefant ist wie eine Schlange!“, denn er hatte den Rüssel in der Hand.

„Wie ein Baum ist der Elefant!“, sagte der nächste, der mit beiden Händen ein Bein des Tieres umfasste. „Nein“, rief da wieder einer, der das Schwanzende zwischen den Fingern hielt, „er ist wie ein Besen“!

Mit der Zeit gerieten sie in einen solch heftigen Streit über den Elefanten, dass es immer bedrohlicher wurde. Jeder wollte recht haben und traute nur seinen eigenen Erfahrungen. Aber sie vermochten einfach nicht, das Ganze zusammenzubringen und zu erkennen, wie ein Elefant in Wahrheit von Gestalt und Aussehen beschaffen ist.

Hätten sie nur ein paar mal die Plätze getauscht, sie hätten sich ein umfassendes, wahres Bild des Elefanten machen können und verstanden, wovon auch der andere spricht.

Indisches Märchen

Karlheinz Schudt
Märchenerzähler, Autor, Seminarleiter
Schreibkurs für kreative - kreativ schreiben lernen

Mitten im Urwald …

Mitten im Urwald gab es eine Schule für Tiere. Um dort aufgenommen zu werden, mussten sich die Tiere einer Eignungsprüfung unterziehen. Der Prüfer war ein Mensch. So stand nun ein Elefant, ein Flusspferd, eine Antilope und ein Affe vor einem hohen Baum. Der Mensch stellte sich ganz feierlich vor die Tiere hin und begann nun die erste Prüfungs-Aufgabe mit ernster Mine zu verkünden: “Im Zuge der Gleichstellung aller Tiere bitte ich Sie nun, alle auf diesen Baum zu klettern.”

Nach einer Lehrgeschichte

Keine Benotung im Urwald – und auch sonstwo!

Ob Sie nun schmunzeln oder weinen möchten, diese Urwald Geschichte verdeutlicht die verrückte Situtation, in der wir Menschen mit unserem seltsamen Benotungs-Wahn uns befinden. Kein noch so ausgeklügeltes Benotungs-System kann tatsächlich etwas über den Wert eines Menschen und seine speziellen Fähigkeiten aussagen.

Ich kann mich noch gut an meine Schulzeit erinnern. Wie oft hat ein guter Schüler in der Prüfung seinen Notendurchschnitt verschlechtert. In den meisten Fällen lag das nicht an seinem Können, sondern am Prüfungsdruck und der Angst, zu versagen.

Die begrenzte Tauglichkeit von Zensuren zur Feststellung von Lernfortschritten ist heute in der pädagogischen Diskussion unumstritten. Ein gleicher Bewertungs-Maßstab für alle Schüler ist nicht möglich, wenn man den unterschiedlichen Lern- und Entwicklungs-Rhythmus des einzelnen berücksichtigt.

Es wäre nun wirklich an der Zeit, dass sich unsere Lehrpläne an der Individualität, den Stärken und Talenten eines Menschen orientieren und nicht an einer Gleichmacherei. Letztere mag wohl gesellschaftsfähig sein, aber auf Dauer kaum wirklich lebensfähig.

© Karlheinz Schudt
Märchenerzähler, Autor, Seminarleiter
Schreibkurs für kreative - kreativ schreiben lernen