Wie der Verstand auf die Nase fiel

verstandEinst betrat Nasrudin einen Laden. Da sprach der Inhaber des Ladens heimlich zu einem Kunden: „Das ist der dümmste Mensch der Welt! Ich werde es dir gleich beweisen!“ Er grüßte Nasrudin und hielt ihm seine beiden Hände entgegen. In der einen waren fünf Geldstücke und in der anderen nur zwei. Dann sprach er: „Nun, Nasrudin, willst du das Geld in dieser oder in jener Hand haben?“ Nasrudin überlegte nicht lange und ließ sich die zwei Geldstücke schenken. Dann verließ er den Laden. Der Kunde schaute ganz ungläubig und war sichtlich erstaunt über die vermeintlich unsinnige Handlung Nasrudins. Der Ladeninhaber aber lachte etwas gehässig und sprach: „Na, was habe ich dir gesagt? Dümmer gehts nicht!“

Als nun der Kunde den Laden verlassen hatte, da traf er zufällig Nasrudin, der gemütlich vor einem Teehaus saß und den köstlichsten Tee trank, den er sich für die zwei Geldstücke gekauft hatte. Noch immer ganz verwundert über die törichte Handlung Nasrudins, sprach er diesen an: „Sag einmal, Nasrudin, warum hast du denn nicht die fünf Geldstücke genommen, die dir angeboten wurden. Die sind doch viel mehr wert als nur zwei?“ Da lächelte Nasrudin gewitzt, trank noch genüsslich ein Schlücken Tee und sprach: „Hätte ich heute die fünf Geldstücke genommen, dann wäre das ganze Spiel vorbei gewesen und ich hätte meinen Tee selbst bezahlen müssen.“

Nach dem Motiv einer alten Lehrgeschichte,
neu erzählt von Karlheinz Schudt.

Mulla Nasrudin oder Till Eulenspiegel?
Von der Weisheit der Narren!

Mulla Nasrudin gehört ja zu jenen Gestalten des Orients, die durchaus etwas mit dem europäischen Till Eulenspiegel gemein haben. Sie führen gerne durch ihre für den menschlichen Verstand nicht nachvollziehbaren weisheitsvollen Handlungen (Eule) den Menschen ihre Eitelkeit, Oberflächlichkeit und Rechthaberei auf humorvolle Weise vor Augen (Spiegel).

Noch mehr von solchen Weisheits-Prozessen, die dem Verstand seine Grenzen aufzeigen, finden wir in den unterschiedlichsten Motiven der Märchen mit ihren seelisch-spirituellen Bildern. Ein besonders humorvolles Märchen aus der Sammlung der Brüder Grimm ist der rechthaberische „Meister Pfriem“, der im Himmel so seine Erfahrungen machten musste, wie beschränkt doch der menschliche Verstand ist.

Hier ein kleiner Auszug:

… Er ging weiter und sah einen Wagen, der in einem tiefen Loch steckengeblieben war. „Kein Wunder“, sprach er zu dem Mann, der dabeistand, „wer wird so unvernünftig aufladen? Was habt Ihr da?“

„Fromme Wünsche“, antwortete der Mann, „ich konnte damit nicht auf den rechten Weg kommen, aber ich habe den Wagen noch glücklich heraufgeschoben, und hier werden sie mich nicht steckenlassen.“ Wirklich kam ein Engel und spannte zwei Pferde vor.

„Ganz gut“, meinte Pfriem, „aber zwei Pferde bringen den Wagen nicht heraus, viere müssen wenigstens davor.“ Ein anderer Engel kam und führte noch zwei Pferde herbei, spannte sie aber nicht vorn, sondern hinten an.

Das war dem Meister Pfriem zuviel. „Tolpatsch“, brach er los, „was machst du da? Hat man je, solange die Welt steht, auf diese Weise einen Wagen herausgezogen? Da meinen sie aber, in ihrem dünkelhaften Übermut, alles besser zu wissen.“ Er wollte weiterreden, aber einer von den Himmelsbewohnern hatte ihn am Kragen gepackt und schob ihn mit unwiderstehlicher Gewalt hinaus. Unter der Pforte drehte der Meister noch einmal den Kopf nach dem Wagen und sah, wie er von vier Flügelpferden in die Höhe gehoben ward. …

Das vollständige Märchen finden Sie hier:
„Meister Pfriem“

Quadratisch oder rund? Verstand oder Intuition?
Was bevorzugen Sie?

Tja, so gehts im Alltag, wenn wir uns nur auf unseren Verstand verlassen. Der ist nämlich für Lösungen gänzlich unbrauchbar und kann nur das wiederkäuen, was er aus der Vergangenheit einmal gelernt hat. Situationsbedingte, gegenwartsbezogene Probleme aber, die weitaus mehr (höhere oder tiefere) Blickwinkel benötigen, Einfühlungsvermögen, Offenheit, Mut und Vertrauen erfordern, können wir aber nur mit unserem Allerinnersten lösen, unserer inneren Stimme, Intuition oder all den „Werkzeugen“, die aus eben jener „Verwandtschaft“ stammen.

Als MärchenerzählerIn oder GeschichtenerzählerIn werden Sie mit diesen „Werkzeugen“ immer mehr in Berührung kommen und in der Lage sein, diese weisheitsvollen Märchen und Geschichten Kindern oder Erwachsenen frei zu erzählen. Sie werden ferner darüberhinaus noch entdecken, dass diese Berufung (als Hobby, Neben- oder Hauptberuf) sogar Ihre Intuition und Lebensfreude in kurzer Zeit steigern kann. Und diese haben zwangsläufig positive Auswirkungen auf Ihr Glück, Ihre Liebe, Ihren Erfolg und last but not least, auf Ihre Gesundheit!

Ein Versuch wäre es sicherlich wert 😉

© Karlheinz Schudt
Märchenerzähler, Autor, Seminarleiter

Frei erzählen lernen von Geschichten und Märchen

 

Frau Holle Brunnen – das Tor zum Ursprung der Dinge

Frau Holle BrunnenNur wenige wissen, dass es sich beim Märchen Frau Holle aus der Sammlung der Brüder Grimm um eines von vielen Märchen und Sagen handelt, die sich dem Wesen oder den Aufgaben der Frau Holle widmen. Selbst wenn es sich bei der Grimmschen Fassung wohl um die bekannteste handelt, so findet man noch einen weitaus größeren Wirkungskreis, in denen dieses rätselhafte Wesen Frau Holle merkwürdigen Dingen nachgeht.

Um nur einige andere Märchen bzw. Sagen zu nennen, seien  hier „Die drei Wünsche“, „Die dreizehnte Kammer“ oder „Frau Holles Apfelgarten“ genannt.

Eine empfehlenswerte Lektüre dazu wäre:
Die Lebensgesichter von Frau Holle – Volksmärchen aus Deutschland.

Die Figur der Frau Holle kann verschiedene Gestalten annehmen. Mal ist sie jung und schön, ein andermal alt und hässlich. In jedem Falle aber kann sie belohnen oder bestrafen, je nachdem, wie sich die Menschen verhalten.

Das Tor zur Quelle, zum Ursprung der Dinge

Doch bleiben wir bei der uns wahrscheinlich am meisten vertrauten Version und schauen uns dort einmal einige Rätsel näher an. Das, was uns gleich etwas verwundert, ist wohl die Tatsache, dass ein Mensch in einen Brunnen springt und im Himmel wieder erwacht. Nun ist es ja nicht selten, dass uns gerade die wundervollen und unerklärlichen Geschehnisse in den Märchen auf eine höhere Ebene (Metaebene) der menschlichen Vorstellung führen, die für unseren Verstand nicht zu betreten ist.

Im Märchen Frau Holle müsste man eher von einem tieferen Erfassen sprechen, da es ja in den Brunnen hinab geht, und nicht, wie bei einem Turm, hinauf. Und doch haben die beiden Märchen-Bilder „Brunnen“ und „Turm“ etwas gemeinsam. Während der eine Prozess in die Höhe führt und schließlich den Ausblick, Überblick und Weitblick verschafft, führt der andere in die Tiefe, zur Quelle, zum Urgrund oder Ursprung der Dinge.

Dass dieser Urgrund durch das Element Wasser führt und schließlich alles anderes als dunkel, kalt und modrig ist, erkennen wir schon daran, dass das schöne und fleißige Mädchen im Märchen von der Frau Holle auf einer schönen Wiese erwacht. Darauf wachsen tausende Blumen und die Sonne lacht.

Herzensgüte und Mitgefühl, Habgier und Eitelkeit

Das Mädchen hat wahrlich nicht die besten Voraussetzungen, die man sich für jemanden wünscht, der ein Leben in Glück und Zufriedenheit führen möchte. Obgleich es schön und fleißig ist, gibt die Stiefmutter ihrer rechten Tochter, der faulen und hässlichen, den Vorzug.

Dass eine solche Voraussetzung nicht immer oder meist niemals der Garant für ein zufriedenes und glückliches Leben ist, wissen wir von unzähligen anderen Märchen. Denn schließlich geht es um Herzensgüte und Mitgefühl, nicht um Habgier und Eitelkeit. Und diese Eigenschaften haben immer die „Dummlinge“ und „Aschenputtels“ oder eben jene, die vom Leben nicht die (äußere) „Schokoladenseite“ abbekommen haben.

Keine Entwicklung ohne Mangel und Trennung

Wie im Leben, so ist es auch im Märchen. Bevor eine Entwicklung sich vollziehen kann, muss zunächst ein Mangel eintreten, der einen veranlasst, aus dem alten Zustand auszubrechen bzw. ihn zu verlassen oder zu verändern. Meist findet das unter Leid, Schmerz und Trauer statt.

So ist es nicht verwunderlich, dass die fleißige diesen Weg gehen muss, zumal sie auch nie so richtig zu diesem Haushalt der Stiefmutter (die alte Welt, der alte Zustand) zählte. Jene (Ersatz-) Mutter ließ ja nur ihre rechte Tochter gelten. Die schöne musste alle schlechten Arbeiten im Hause tun und hatte dort eigentlich keinen richtigen Platz.

Nun sollte man nicht dem Irrglauben verfallen, dass es sich bei dieser Schönheit um eine äußere handelt. Auch hier verwendet das Märchen Bilder oder Eigenschaften, die auf innere Ausstrahlung, einen feinen und verlässlichen Charakter schließen lassen.

Schicksal, Bestimmung und Lebensweg

Doch wenden wir uns dem Sprung in den Brunnen zu. Die Ursache war ja die verlorene Spindel oder Spule. Jenes spitzige Werkzeug, das zum Spinnen benötigt wurde und das man gerne mit einem Spinnrad verwechselt. Aber oft handelt es sich im Märchen um eine Handspindel. Diese war im Vergleich zum Spinnrad leicht zu transportieren und aufgrund ihrer Flexibilität bei jeder Tätigkeit, sogar beim Gehen, zu verwenden.

Bevor wir aber „in den Brunnen springen“ , sei nochmals auf die Tätigkeit des Spinnens hingewiesen, die übrigens wesentliches über den Prozess des Mädchens aussagen kann. Spinnen war immer eine Tätigkeit, mit der man aus einem groben, chaotischen und unstrukturiertem Faserknäuel einen wohl geordneten, richtungsweisenden und zielgerichteten Faden produzierte. So kommt das Spinnen im Märchen meist dann vor, wenn sich das Schicksal eines Menschen, seine Bestimmung oder sein Lebensweg offenbart bzw. offenbaren möchte.

Der Sprung in die andere Welt

Nun ist ja der Sprung in einen tiefen Brunnen, so wie er in diesem Märchen geschildert wird, alles andere als eine Empfehlung, die man Kindern machen würde. Oberflächlich betrachtet würde jede Mutter oder jeder Pädagoge eine solche Schilderung als äußerst gefährlich ansehen. Schließlich könnten doch die Kinder auf den Gedanken kommen, die Frau Holle auf diesem Weg einmal zu besuchen.

Doch Kinder können sehr wohl unterscheiden und wissen intuitiv sofort, dass dieser Brunnen kein Brunnen in der sichtbaren Welt ist, sondern ein Tor oder Zugang in eine andere Welt. Anders aber nur, weil sie nicht über das Verstandesbewusstsein zu erreichen und zu entdecken ist, sondern durch eben jenes kindliche Gemüt, das übrigens auch in jedem erwachsenen Menschen, ganz gleich wie alt er ist, zu finden ist, selbst wenn er es über Jahrzehnte hinweg immer wieder verdrängt hat.

Paradiesische Urtiefen oder himmlische Welten?

Jene „andere“ Welt oder Parallelwelt ist sehr wohl zu besuchen und nicht weniger reell, als die mit den Augen sichtbare. Allerdings erfordert es Offenheit, Mitgefühl, Einfühlungsvermögen, Lebensfreude. Das sind alles Eigenschaften, die meist nur noch Kinder haben oder jene Figuren im Märchen, die, wie bereits erwähnt, unter die Kategorie Dummling oder Aschenputtel fallen. Alle anderen, die mit Berechnung, Verstand, Habgier und Kalkül in jene Welten treten, werden auf absehbare Zeit eine böse Überraschung erleben.

So ist der Weg in jene paradiesischen Urtiefen (oder himmlischen Welten?) jedem Menschen und zu jeder Zeit offen, er sollte sich aber zunächst klar machen, mit welcher Absicht er diesen Weg geht. An dieser Stelle sei die Frage erlaubt, ob wir Menschen diesen Weg nicht schon längst gehen? Womöglich ist es uns nicht bewusst und wir erkennen und schätzen daher auch nicht die Weisheit und Hilfen jener Wesen, die uns auf diesem Weg beistehen. Und was wir nicht schätzen, das kann nicht oder nur sehr unzureichend wirken.

Was aber die beiden Mädchen nun bei der Frau Holle erleben und welche noch tieferen Geheimnisse sich dort für unser Leben offenbaren könnten, davon erfahren Sie mehr in der Märchenbetrachtung inkl. Bilderreisen-CD zur Selbstbetrachtung: „Im Paradiesgarten der Frau Holle“.

© Karlheinz Schudt
Märchenerzähler, Autor, Seminarleiter

Im Paradiesgarten der Frau Holle

Die Sehnsucht nach Ganzheit – Mit Märchen heilen, Teil 2

Sehnsucht nach GanzheitWenn wir uns besonders dem Inhalt der Volksmärchen zuwenden, dann erfahren wir, dass der Protagonist mit einer Vielzahl von Prüfungen konfrontiert wird. Dies ist meist in den Motiven der drei Brüder zu erkennen, von de­nen in der Regel der jüngste, einfache und mitfühlende die Prüfungen besteht.

Der Mensch im Widerspruch zur Natur (zu seiner Natur)?

In der Natur haben wir eine in sich vollkommene, ja nahezu paradiesische Einheit. Tiere und Pflanzen stehen nicht zwangsläufig im Widerspruch zueinander, sondern ergänzen sich im Sinne des Naturprinzips. Ein zerstö­render Eingriff, der letztendlich die ganze Erde bedroht, findet in diesem Ausmaß nicht statt, da Tiere und Pflanzen in einem ganzheitlich, göttlichen Bewusstsein leben.

Der Mensch aber stellt nun sich selbst, seine Schöpfung und das Naturprinzip „auf den Kopf“ bzw. in Frage. Er wird mit all seinen Tugenden und Untugenden (im Märchen z. B. durch die drei Brüder symbolisiert) in diese Welt hineingeboren, um darin seinen Weg zu finden. Schon alleine durch die Tatsache, dass er willentlich entscheiden kann, meist zugunsten von Macht, Gier und Eitelkeit (im Märchenbild der beiden älteren, gescheiteren Brüder symbolisiert), schließt er sich selbst aus diesem ganzheitlich, göttlichen Bewusstsein aus und wendet sich sogar gegen seine eigene, innere Natur.

Dieses Bewusstsein zwingt ihn in die Trennung. Er kann nicht anders und muss Entscheidungen treffen. Zwar darf er Fehler machen, muss aber die Konse­quenzen  tragen und die nötigen Er­kenntnisse daraus ziehen. Tut er dies nicht, dann würde er niemals zur Ganzheit, zum Heilwerden auf neue Weise zurückfinden.

Zurück – vorwärts zur Ganzheit, zum Heilsein …

Aber Gott sei Dank gibt es ja noch den jüngsten Bruder, den Dummling. Jener stellt sich kaum die Frage, welche Probleme und Hindernisse auf seinem Weg liegen. Der Dummling geht ihn ganz einfach und bewältigt alle Herausforderungen durch Wachheit, Offenheit, Mitgefühl, Lebensfreude, Einfachheit und Natürlichkeit. Nur dadurch kann er die scheinbare Trennung überwinden und die Ganzheit (das Heilsein) wieder erlangen. Keine Resignation, kein Hass, keine Gier, keine Eitelkeit und keine Selbstbeschränkung hindern ihn daran. Dadurch wird sein Herzens-Ziel immer deutlicher und nichts kann ihn mehr davon abhalten.

Jeder Mensch hat dieses höchste Ziel in sich, aber ist er sich dessen auch stets bewusst? Wie weit hat er sich davon bereits entfernt und ablenken lassen? Volksmärchen bedienen sich einer Bildsprache, die leicht für unsere Seele nachvollziehbar ist, vorausgesetzt, man öffnet sich innerlich diesen Bildern.

Das Märchen nimmt die Natur als Ausdruck, da diese in sich vollkommen ist. Der Mensch, ebenfalls Teil der Natur, spielt darin aber stets eine besondere Rolle, die sich in Trennung und Wiederverbindung ausdrückt. Im­mer geht es um einen Einbruch in diese Ganzheit und jedes Mal erhält er die Chance, diese auf einer neuen Stufe bewusst und heil wiederzufinden bzw. zu erschaffen.

Das Märchen – ein heilsamer Lebensweg in seelisch-geistigen Bildern

Das Märchen ist somit ein Lebensweg in seelisch-geistigen Bildern, die einen ständigen Prozess vom Inneren ins Äußere schildern und wieder zurück. Alle entscheidenden Stufen dieses Lebensweges sind von Anfang bis Ende sichtbar, je nach Schwer­punkt des Märchens. In diesem märchenhaften Lebensplan können wir das innere Selbstbildnis, das Urbild des Menschen entdecken.

Das Märchen begleitet uns aus der Ganzheit (Einheit) in die Zweiheit (Trennung), in die Dualität unseres irdischen Daseins. Es zeigt uns aber auch den Weg, wie wir diese Einheit, Ganzheit oder das Heilsein bewusst wieder neu erschaf­fen können.

>>> Vorwärts zu Teil 3 von „Mit Märchen heilen“ <<<
>>> Zurück zu Teil 1 von „Mit Märchen heilen“ <<<

© Karlheinz Schudt
Märchenerzähler, Autor, Seminarleiter

Frei erzählen lernen von Geschichten und Märchen

Rumpelstilzchen – Führen Angeberei und Gier zum Ziel?

rumpelstilzchen

© Bild: aboutpixel.de-Joerg Kleinschmidt

Liebes Märchenteam,

ich habe mit meinem Sohn das Märchen Rumpelstilzchen durchgenommen und mich gefragt, was wohl die Moral dieser Geschichte ist. Bedeutet dies: „Je mehr Gier und Angeberei, desto mehr Erfolg und Reichtum?“ Die Tochter des Müllers wurde ja nur Königin, da der Müller mit seiner Angeberei vor dem König erfolgreich prahlte. Und auch der König hatte mit seiner Gier Erfolg, da ihm die Müllerstochter bzw. ihr Helferlein Rumpelstilzchen das Stroh zu Gold spann. Zur Belohnung wurde es als Folge von Gier und Angeberei bekämpft. Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr mir dabei auf die Sprünge helfen könntet.

Hallo und herzlichen Dank für Ihre Anfrage,

aber Sie haben recht, zunächst entsteht beim ersten Eindruck der Gedanke, dass der König ein gieriger Nimmersatt ist. Allerdings habe ich in meiner jahrzehntelangen Erzähler-Tätigkeit vor Kindern nie erlebt, dass Kinder dem König oder gar dem Müller viel Beachtung geschenkt haben.

Um die geht es gar nicht so sehr in diesem Märchen, sondern viel mehr um den Prozess, den die Müllerstochter in Verbindung mit dem Männchen durchmacht. Selbst wenn wir den König etwas näher betrachten, dann fällt neben seiner maßlosen Gier gleich auf, dass er als mächtiges Oberhaupt eines Staates nicht einmal fähig war und ist, das zu vollbringen, wozu eine einfache und junge Müllerstochter fähig war, nämlich mithilfe eines übernatürlichen Wesens Stroh zu Gold zu verspinnen.

Im Märchen geht es um seelische Verwandlungsprozesse

Es geht hier, wie in den meisten echten Märchen, um Verwandlungsprozesse, die sich auf einer anderen, „höheren“ Ebene abspielen und die das Märchen mit den Bildern „Stroh“ und „Gold“ bzw. „Müllerstochter“ und „Königin“ beschreibt. Nur dieses einfache Mädchen war fähig, das zu leisten, wovon Müller und König nur zu träumen wagten.

So heißt es ja auch im Märchen von Rumpelstilzchen:

… „Der König freute sich über die Maßen bei dem Anblick, war aber noch immer nicht Goldes satt, sondern ließ die Müllerstochter in eine noch größere Kammer voll Stroh bringen und sprach: ‚Die musst du noch in dieser Nacht verspinnen; wenn dir das gelingt, sollst du meine Gemahlin werden‘. ‚Denn‘, dachte er, ‚eine reichere Frau kannst du auf der Welt nicht haben.‘ …

Mit anderen Worten: „Was die kann, kann kein gieriger, angeberischer und eitler Mensch“!

Der gierige König und ihr Vater, der angeberische Müller, sind im Grunde zwei hilflose und ohnmächtige Gestalten, die, ohne es bewusst zu wollen, mit ihrer Angeberei und Gier das äußere Entwicklungs-Umfeld für die Müllerstochter vorbereiten und zur rechten Zeit den Kontakt mit diesem seltsamen Männchen einleiten. Später übrigens spielt dieses verwandelte Gold überhaupt keine Rolle mehr!

Eines der Hauptmotive dieses Märchens ist ja, dass das Männchen in seiner wahren Gestalt erkannt wird: „Heißt Du vielleicht Rumpelstilzchen?“. Sie sollten einmal bei einer Erzählrunde dabei sein und darauf achten, wie da die Kinder aus ihrer Spannung beim Zuhören befreit und erlöst sind, wenn dieser Satz kommt!

Im Leben ist es nicht anders. Eine Lösung kann erst dann gefunden oder eingeleitet werden, wenn die wahre Ursache des Problems oder Missstandes erkannt ist und wahrhaftig beim Namen genannt wird. Und die liegt meist tiefer, als der Verstand zu „schauen“ bereit ist.

Und da es sich ja bei den Märchen hauptsächlich um Seelenprozesse handelt, die in verschiedenen Bildern mit verschiedenen Figuren und Situationen umschrieben werden, kann es sich auch bei Rumpelstilzchen um nichts anderes handeln.

Kinder sehen das viel natürlicher und einfacher. Wir Erwachsenen tun uns da oftmals sehr schwer mit unserem Verstand, da wir die Lösung einer Sache immer erst im Äußeren suchen und enttäuscht sind, dass sie dort nur sehr selten zu finden ist.

Erkenne Dich selbst – und Du erkennst die Welt!

Es geht in diesem Märchen also nicht so sehr um den Prozess des Königs, sondern vielmehr um den der Müllerstochter auf dem Weg zur Königin. Übertragen könnte man für dieses Märchen auch sagen: „Erkenne Dich selbst – und Du erkennst die Welt!“

Warum nun die Müllerstochter als spätere Königin mit dem gierigen und mordlustigen König verheiratet bleibt und welche Entwicklungen die beiden in dieser seltsamen Kombination gemeinsam mit ihrem Kind noch durchmachen werden, ist wohl eine andere Geschichte. Aber wie in fast allen Schilderungen ist hier das Märchen nicht zimperlich. Schließlich lebt ja nicht nur die lösungsorientierte „Müllerstochter“ in uns, sondern auch der gierige „König“ oder der angeberische „Müller“.

Nebenbei bemerkt, welche Rolle spielt eigentlich das Kind der Königin in diesem Märchen?

Märchen von verschiedenen Blickwinkeln aus betrachten

Sie werden verstehen, dass es eigentlich eine weitaus längere Zeit bräuchte, um dieses Märchen erlebnisreich und ausführlicher zu erkunden und dass hier eben nur wenige Anregungen gegeben werden können. Aber vielleicht sind sie ja ausreichend, damit Sie selbst sich in eigener Regie noch intensiver mit diesem Märchen beschäftigen und es von mehreren Blickwinkeln aus betrachten.

Selbstverständlich finden Sie in unseren Seminaren und Schulungen geeignete und effiziente Methoden, wie Sie die Märchen von unterschiedlichen Sichtweisen beleuchten und in ihrer Tiefe entdecken und – je nach Interesse – auch frei vor Publikum erzählen können.

© Karlheinz Schudt
Märchenerzähler, Autor, Seminarleiter

maerchenlernprogramminfo